Eltern sein in der Corona-Zeit

Gedanken Apr. 16, 2020

Eigentlich sollte ich jetzt arbeiten - natürlich im Home Office. Mir gehen aber so viele Gedanken durch den Kopf. Im Vergleich zu den Wochen vor Ostern, ist es in den Ferien eher entspanntes Arbeiten: Ich kann mich theoretisch auf ein Projekt konzentrieren, es ist auf Grund der Ferien gerade kein Homeschooling notwendig, mein Mann hat Urlaub.
Die neuen Ansätze für die kommende Zeit werfen bei mir neue Fragen auf und sie beschäftigen mich. Ich sehe zwar die Notwendigkeit der Maßnahmen, jedoch fehlen mir Lösungsansätze für meinen Alltag.

Vor der Coronakrise war unser Alltag darauf ausgerichtet, dass unsere Kinder betreut werden. Wir beide arbeiten Vollzeit. Ich habe den Vorteil, dass ich meine Arbeitszeit weitestgehend frei einteilen kann. Unsere Kinder waren in der Schule, im Kindergarten/Schülerbetreuung und einmal in der Woche beim Uropa. Wir hatten nicht nur genug Zeit für die Arbeit, wir hatten luxuriöserweise auch Zeit für Jeden von uns allein, für uns als Paar und schöne Zeit mit unseren Kindern. Diese Zeit war einem durchgeplanten Alltag mit viel Flexibilität und Unterstützung anderer Menschen zu verdanken. Wir hatten dadurch auch genug Zeit für unsere Großfamilie. Mein 98-jähriger Opa möchte regelmäßig besucht werden, er möchte gerne politische Nachrichten übersetzt bekommen, er möchte die Kinder sehen. Denn die Kinder sind es, die ihm die Lebensfreude geben und er gibt ihnen die berühmte Uropa-Liebe, die nur Urgroßeltern geben können. Unsere Kinder haben es genossen, mit anderen Kindern zu spielen, in der Nachbarschaft, in der Verwandschaft und in den Betreuungseinrichtungen. Sie haben also ihren Input von vielen unterschiedlichen Menschen bezogen.

Seit der Coronakrise ist alles anders.
Wir können es auch als Chance sehen, dass wir uns jetzt auf unsere kleine Familie konzentrieren können. Natürlich suchen wir uns neue Möglichkeiten. Wir telefonieren und machen Videomeetings mit der ganzen Familie. Wir verschicken Videos an die ganze Familie und an Freunde. Konzentration auf uns als kleine Familie bedeutet für unsere Kinder auch, dass sie ständig von uns Eltern beobachtet werden. Auch fehlen ihnen einfach die anderen sozialen Kontakte. Physische Kontakte. Was uns Erwachsenen nur schwer fällt, hat bei unseren Kindern unabhängig von den Emotionen,  vielleicht auch Auswirkungen auf ihre Entwicklung.

Wir beide arbeiten Vollzeit. Mit Homeschooling, Kinderbetreuung und den Gefühlsausbrüchen waren wir bereits vor den Osterferien mehr als nur ausgelastet. Daher haben wir gestern mit gemischten Gefühlen die Pressekonferenz mitverfolgt. So sinnvoll, notwendig und (zumindest weitestgehend) nachvollziehbar die erläuterten Maßnahmen sind, bleiben einfach zu viele Fragen für uns in der Umsetzung offen. Wir erhalten bereits heute regelmäßig Bastel- und Beschäftigungsideen für unsere Kinder. Nach den Osterferien wird es mit Homeschooling weitergehen. Wie sollen Eltern mit der Kinderbetreuung und mit der Arbeit umgehen? Nicht alle Eltern haben systemrelevante Jobs, arbeiten aber doch für ihren Familienunterhalt. Finanzielle Verpflichtungen verschwinden nicht einfach. Und ich habe nachgezählt, der Tag hat leider immer noch nur 24 Stunden. Die Zeit hat sich mit Corona leider nicht verändert. Verändert haben sich aber die Anforderungen an uns Eltern. Wir benötigen keine Tips, wie wir unsere Kinder beschäftigen oder wie wir mit unseren Kindern umgehen können. Wir benötigen andere Unterstützung. Ganz besonders schnelle Unterstützung benötigen alleinerziehende Eltern.  

Die Coronakrise ist komplex. In komplexen Situationen können nicht alle Auswirkungen von vornherein vollständig erkannt werden. Das Spannende an dieser Zeit ist, dass wir viele Dinge neu lernen und anders sehen. So lernen wir gerade, dass Fehler nicht nur akzeptiert werden müssen. Fehler sind wichtige Meilensteine auf dem Weg zur richtigen Lösung. Dies betrifft auch die Politiker. Wenn Entscheidungen getroffen werden, müssen diese im nächsten Schritt wieder nachjustiert oder manchmal vielleicht komplett umgeworfen werden können. Entscheidungen müssen im Laufe der Zeit an neue oder veränderte aktuelle Rahmenbedingungen angepasst werden. Fehler zu erkennen und Entscheidungen zu verändern ist in einer komplexen Welt, die wir eigentlich schon immer hatten, die wahre Stärke.  Damit wir handlungsfähig bleiben, ist auch die Fähigkeit zu schnellen Veränderungen erforderlich.

Welche einfachen Lösungen könnte es für Eltern geben? Beispielsweise könnten Eltern bereits davon schnell profitieren, wenn sie sich die Kinderbetreuung mit einer anderen Familie teilen könnten. Eine feste Spiel- und Lerngruppe. Alleinerziehende Eltern und Eltern, welche auf Grund der Kinderbetreuung nicht mehr arbeiten können oder unbezahlten Urlaub nehmen müssen, benötigen besonderen Schutz und ggf. auch finanzielle Unterstützung.

 

Lakhena Leng

Mutter. Partnerin. Freundin. Geschäftsführerin. Expertin. Coach. GRÜNE Ebersberg. Stadt- und Kreisrätin ab Mai 2020. Weitere Webseiten: konmatik.de, barcamp-ebe.de